Appropos "Design"

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Titan-Jan
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Re: Appropos "Design"

#51

Beitrag von Titan-Jan » 11.01.2022, 09:00

the schweinhorn hat geschrieben:
11.01.2022, 06:59
Sowas geht gar nicht und wenn jetzt wer daherkommt und sagt "Geschmackssache", dann hat derjenige einfach keinen Geschmack oder ästhetisches Empfinden- nicht weiter schlimm, aber dann möge sich derjenige dessen bewußt sein und zum Thema Ästhetik einfach schweigen: man muß nicht alles verstehen, man muß aber auch nicht zu allem ne Meinung haben, vor allem nicht zu Dingen, die sich einem nicht erschließen. (Bitte jetzt nicht mißverstehen, ich kritisiere jetzt nicht dich, sondern Leute, die so einen Bockmist entwerfen und ihn allen Ernstes als "gelungen" verkaufen- sowie die Narren, die das kaufen)
Ich weiß nicht... ich finde, du lehnst dich etwas arg weit aus dem Fenster.
Ich persönlich denke auch oft, wenn mir etwas nicht gefällt, dass es grundsätzlich geschmacklos sein muss :D Da könnte ich jetzt viele Beispiele nennen... Aber um mal in der Gitarrenwelt zu bleiben: Es wurden hier im Forum schon "bekannte" Gitarrendesigns nachgebaut, die ich plötzlich geil fand, obwohl ich das Original furchtbar hässlich fand (die Konturen waren bei beiden gleich, selbst die Ausführung war vlt sogar ähnlich. Aber ich kannte den Erbauer und den Bauprozess und das führte irgendwie dazu, dass es mir auf einmal gefiel!). Das bewies für mich: Design (rein im Sinne der Formgebung/Gestaltung, nicht im englischen Sinne der Konstruktion oder des Konzepts) ist wirklich schwierig objektiv zu betrachten und ich glaube, nicht viele können das überhaupt. Ich zumindest versuche es mir nicht mehr anzumaßen.


Zum Tele-Beispiel:
Ich bin weiß-Gott kein Tele-Fan. Überaupt nicht. Aber insbesondere diese gerade Linie am Pickguard finde ich super :lol: In der Natur gibt es keine geraden Linien. Ich dachte mal, man müsste in stimmingen Designs auch auf gerade Linien und rechte Winkel möglichst verzichten, weil das immer unnatürlich, künstlich und auch nach "dem einfachsten Weg" aussieht. Andererseits sind uns speziell beim Gitarrendesign durch die Saiten und Bünde schon ein paar Gerade gegeben, die sich nicht ändern lassen. Diese Geraden also gekonnt wieder aufzunehmen finde ich eigentlich ganz smart. Und ja, ich denke schon, dass das dann im Wesentlichen Geschmackssache ist...
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Re: Appropos "Design"

#52

Beitrag von the schweinhorn » 11.01.2022, 09:46

Auch wenn das jetzt so aussehen mag- ich bin designbezogen mit Sicherheit nicht auf ne bestimmte Ära fixiert. Ihr werdet es mir vermutlich nicht glauben, aber ich halte zb. Alberto Giacometti für den großartigsten Künstler des letzten Jahrhunderts, kann aber beispielsweise weder mit Dali noch mit Picasso (nur um mal 2 Gegensätze aufzuführen) irgendwas anfangen, was aber nicht heißt, daß ich ihre jeweiligen Genres total ablehne: bin zb. ein großer Fan von Magritte...
ich bin aber der festen Ansicht, daß sich bestimmte, aus grundverschiedenen Bereichen stammende, ästhetische Elemente mit anderen einfach nicht zu einem schlüssigen Gesamtprodukt zusammenwürfeln lassen: du kannst z.B. Jugendstil einfach nicht mit Bauhaus kombinieren und erwarten, daß da was vernünftiges bei rauskommt und wer dem widerspricht, von dem würde ich dann doch gerne einen praktischen- nicht theoretischen!- Beweis dafür sehen.
Es kann aber durchaus genial sein, mit allen erdenklichen Konventionen zu brechen oder Gesetzmäßigkeiten so komplett zu übertreiben/karikieren, daß eine vollständigt eigene Formensprache herauskommt, die absolut brilliant sein kann, aber von den meisten abgelehnt wird. Bestest Beispiel in unseren Sphären: Pagelli, speziell seine krassen Akustikinstrumente- ich kenne nicht viele, denen diese komplett stimmigen, jedoch zum Mainstream radikal konträr konstruierten Instrumente gefallen. Ich hingegen finde sie einsame Spitze...

PS.: ich fühle mich nicht angegriffen und möchte es auch so verstanden wissen, daß ich hier niemanden angreifen will. Ich finde es super, daß da mal kontrovers über sowas gesprochen wird.
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Re: Appropos "Design"

#53

Beitrag von Winkl15 » 11.01.2022, 10:24

Ach, das Thema ist so spannend, wie es umfangreich und streitbar ist und eigentlich müsste man hierzu wohl ein eigenes Forum gründen. Trotzdem, mein Senf dazu:
Die Diskussion scheint an diesem Punkt ja wieder einmal ein bisschen durcheinander zu gehen.
"Design" war ja der ursprüngliche Begriff des Themas, der mitunter "Ästhetik" im nicht ganz minimalen Sinne einschließt, aber damit nicht erschöpft ist. Ästhetik im minimalen Sinne wäre (def.), "was gefällt". Das ist wohl wirklich und unstreitbar subjektiv und höchst situationsabhängig; Die Farbe Rot gefällt mir manchmal, an manchen Dingen, wenn ich unausgeschlafen bin, nie! ;) Oder eben, wie @Titan-Jan schreibt, abhängig davon, wer mir ein Ding zeigt/ wer es gestaltet hat.
Ich glaube, auch @the schweinhorn würde dem Zustimmen. Er sagt ja selbst (ich paraphrasiere) "Gut, Dir mag alles mögliche gefallen, aber Du hast eben keinen Geschmack!"
Und "Geschmack" ist das, was Ästhetik im nicht ganz minmale Sinn mitanspricht. Der Begriff ist nämlich nicht rein persönlich, sondern hat ein gewisses institutionalisiertes Element. Was "Geschmack" ist, entscheidet niemand allein, für sich und/ oder für eine gewisse Zeit/Ära/Epoche.
Hier spielt die Sozialisierung mit hinein, die @darkforce angesprochen hat. (schön übrigens, dass Goodman gelesen wird!)

Demzufolge hat Schweinhorn natürlich auch einen Punkt, insofern, als Design und damit ästhetische Grundsätze gelehrt und erlernt werden/ werden können. Im Rahmen dessen werden eben Standards aufgestellt um Vergleichbarkeit zu schaffen und sie stellen eine Basis da, auf der "objektive" Urteile möglich sind.
Die Sache ist halt die, dass, dass etwas geschmackvoll ist, nicht heißen muss, dass es gefällt. Und vice versa.
Überdies gibt es - auch das hat @darkforce schon angedeutet - eben unterschiedliche Design-Schulen.

Damit aber wieder zum angestammten Thema (Produkt-)"Design", das ja eben mehr umfasst als "bloße" Ästhetik und dessen Kunst ja gerade darin besteht (annehmbare) Kompromisse zwischen den zahlreichen Anforderungen zu finden, die an ein bestimmtes Produkt gestellt werden. Kosten, Fabrizierbarkeit, Optik, Haptik, Haltbarkeit, Ergonomie, Klang, Ökologie, ja, sogar sittliches Empfinden (Schweinhorns "Dildo" ;))... Ich kann hier keine erschöpfende Liste geben, zumal alle die Aspekte ja wiederum abhängig von der angestrebten Zielgruppe sind.
Aber bei einer etwaigen Beurteilung eines Designs muss man halt schon sehr viel in Betracht ziehen, aber das wissen die Leute hier ja doch,

Nur eines noch zum Tele-Beispiel: Ich denke das "plumpe" Pickguard ist wohl ein perfektes Beispiel für einen solchen Kompromiss im Rahmen des Designs. Auch wenn es gewissen ästhetischen "Grundsätzen" widerspricht, es ist halt einfach herzustellen, leicht zu montieren, handlich etc...

Edit: Sry, der Beitrag ist bei mir jetzt länger im Editor gesessen, sodass ich Schweinhorns letzten Beitrag erst im Nachhinen gelesen und noch nicht berücksichtigt habe. - Kommt vielleicht noch :)
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Re: Appropos "Design"

#54

Beitrag von the schweinhorn » 11.01.2022, 10:53

So, muß jetzt leider Dinge noch und nöcher erledigen und mich dafür durch die Stadt bewegen, will heißen: auch wenn das jetzt noch so spannend ist, sich hier auszutauschen, ich komm jetzt nicht drumrum, ein paar std. "afk" zu gehen und möchte dafür um Entschuldigung bitten, leider erstmal nicht weiter mitreden zu können, obwohl ich es sehr spannend finde und nix lieber täte, als weiter zu debattieren.

bis später.
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Re: Appropos "Design"

#55

Beitrag von Janis » 11.01.2022, 11:33

the schweinhorn hat geschrieben:
11.01.2022, 09:46
PS.: ich fühle mich nicht angegriffen und möchte es auch so verstanden wissen, daß ich hier niemanden angreifen will. Ich finde es super, daß da mal kontrovers über sowas gesprochen wird.
Das finde ich auch!

In den letzten Beiträgen sind viele Aspekte und spannende Anstöße genannt worden, vielen Dank!
Auch wenn es mich noch so sehr in den Fingern juckt, über Breuer- und van der Rohe Möbeln in Art nouveau Wohnungen
und mein Faible für bestimmte bildende Künstler zu reden, möchte ich beim Thema Saiteninstrumente weitermachen.

Der Aspekt der Sozialisierung, Zeitgeist und Tradieren wiegt auf jeden Fall schwer!

Was waren beispielsweise Fenders "design-goals"? Eine einfach herzustellende E-Gitarre zu konstruieren, würde ich sagen.
Hat er geschafft und genau dieser pragmatische Ansatz macht eine Tele (genau mit "abgeschnittenem" Pickguard) so
reißvoll. Ein massiver Korpus, ein geschraubter Hals und ein Plastikdeckel + Hardware, die die Elektronik aufnehmen.

Der Hang des Menschen mal progressiv und dann wieder alter Tradition zugeneigt zu sein, macht es spannend!
Formen variieren, verschmelzen und es entsteht Neues. Oft ist die Formsprache aber nur ein plumper Abklatsch oder der
Versuch einen Trend mitzunehmen.

Und leider vermischen sich die Begriffe bzw. Assoziation Design und Kunst zu oft an falscher Stelle.
Design bezieht sich in erster Linie auf käuflich zu erwerbende Gegenstände bzw. deren Gestaltung.
Das eine verfolgt ein bestimmtes Ziel, das andere ist der Ausdruck des Schaffenden.
Da @schweinhorn das Bauhaus ansprach, vllt. ist es bei Gitarren und Bässen unterm Strich das gleiche
Kredo:
„Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! […] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! […] Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“ – Walter Gropius
Viele Grüße,
Jan

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Re: Appropos "Design"

#56

Beitrag von the schweinhorn » 11.01.2022, 17:52

in ner Mucha-gestylten Bude einen Freischwinger von olle Mies oder n LC2 vom Rabenonkel ist aber ne witzige Vorstellung, auch wenn es ungefähr so harmoniert wie eine Tarantel auf einem Käsekuchen (zitiert aus: Raymond Chandler, the big sleep)...
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Re: Appropos "Design"

#57

Beitrag von potomac » 12.01.2022, 08:48

kehrdesign hat geschrieben:
09.01.2022, 19:29
........

Vielleicht taugt dieser Beitrag als Ideen-Baustein um deinem Ziel näher zu kommen. ......
Danke Falk, ja es gibt einige frühere Beispiele von Universalformen (SG/EB, ES335, etliche Fernostmodelle und auch z.B. diese Musima usw.) man denke nur an Fender Mustang Bass und Gitarre. Daher kommen auch mein Anregungen, allerdings habe ich ja noch ein paar andere Vorgaben und mein eigenes Ding will ich ja auch machen ;) . Das Zeichnen, Rechnen, Planen und Abschätzen macht jedenfalls einigermaßen Freude. Semi-akustisch soll der Korpus ja auch werden, so richtig mit Zargen und nicht ausgefräst, das ist auch Neuland für mich. Die Design-Päpste hier haben mir ja einige Anregungen gegeben, wie gute Formen entworfen werden können und was zu beachten ist.

Der gute, alte Leo war schon genial, wie er Form, Ergonomie und Wirtschaftlichkeit vereinigt hat. Ich habe mir mal die Lebensgeschichte von Luigi Colani auf Wikipedia durchgelesen. Leo und Luigi hätten sich sicher gut verstanden, wenn ich mir Mustang, Strat, Preci- und Jazz Bass so ansehe. Aber es gibt Menschen die damit nichts anfangen können, deren Design-Empfinden tickt halt anders. Ich bin da noch sehr hin und her gerissen. Einerseits bewundere ich Colani-Design andererseits respektiere ich auch den traditionellen Ansatz von Gibson u. ä.

....schauen wir mal....
Gruß
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Re: Appropos "Design"

#58

Beitrag von Yiti » 12.01.2022, 22:30

potomac hat geschrieben:
12.01.2022, 08:48
........ kommen auch meine Anregungen, allerdings habe ich ja noch ein paar andere Vorgaben und mein eigenes Ding will ich ja auch machen ;) . Das Zeichnen, Rechnen, Planen und Abschätzen macht jedenfalls einigermaßen Freude. .......
Absolut.
Es ist eher "Bodybuilding-theoretisch", aber man macht sich nicht die Hände schmutzig und bekommt kein Staub in die Lunge.
Es motiviert mich persönlich und macht mir viel mehr Spaß als das Basteln in meiner Miniatur-Dachbodenwerkstatt.
Ich fühle mich nicht berufen, meinen Senf zum Thema "Gitarrendesign" hinzuzufügen - ich bin nur ein Beobachter, der die Proportionen misst und zu analysieren versucht.
Und ich habe eine Hassliebe-Beziehung zu Telecaster-Gitarren (whistle)
;) Viele Grüße Jan
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