Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

Alles um einen alten Schatz aufzufrischen ... auch am Finish
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moon
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Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#1

Beitrag von moon » 05.06.2021, 21:54

Damit es mir nicht langweilig wird, während ich dem Lack bei meinem kurzen 4er beim Trocknen zusehe oder mal zwischenschleife, habe ich mir ein 'schönes' Reparaturprojekt zugelegt, in der vagen Hoffnung, daß ich das irgendwie gefixt bekomme.

Es geht um einen Boulder Creek Akustik Bass, den aber irgendein Vollidiot ziemlich übel und anscheinend vorsätzlich massakriert hat.
Erstmal ein paar Bilder des Desasters:
001 Totale.jpg
Die Grundkonstruktion ist unbeschädigt, aber wie man sieht, ist die Bridge vorsätzlich runtergerissen und irgendetwas vollkommen Unverständliches ist mit der Kopfplatte passiert.
Das kleinere Problem scheint mir die abgerissene und nicht mehr vorhandene Bridge.
002 Abgerissene Bridge.jpg
Das größere Problem ist die zestörte Kopfplatte. Daß die abgebrochen und pfuschig wieder angeklebt wurde, ist übel genug. Was mir aber absolut unverständlich ist, warum die jemand dann noch, offensichtlich absichtlich, so kaputtsägt, daß, ja, einem nichts mehr dazu einfällt.
003 Zerstörte Kopfplatte 1.jpg
004 Zerstörte Kopfplatte 3.jpg
005 Zerstörte Kopfplatte 4.jpg
006 Zerstörte Kopfplatte 5.jpg
007 Zerstörte Kopfplatte 6.jpg
Daß es dann noch wüst zugekleisterte Dongs im oberen Halsbereich gibt, ist da ziemlich untergeordnet.
008 Lackdong.jpg

Bisher habe ich wenig Reparaturerfahrung, schon gar nicht bei Akustiks , deshalb wollte ich, bevor ich jetzt einfach drauflos werkel, mal nachfragen, was die (reparaturerfahrenen) Kollegen meinen.

Meine Überlegungen zur Wiederherstellung der Kopfplatte:
- Griffbrett ablösen
- Halsstab ausbauen
- Hals für eine vorderseitige Kopfplattenschäftung schräg absägen
- neue Kopfplatte
- Halsstab wieder rein, Griffbrett wieder aufleimen, sofern es überlebt hat, sonst neu machen
- Hals neu lackieren

Klingt das plausibel, was sollte ich beachten, wo lauern die Fallstricke ??
Die Hauptschwierigkeit sehe ich erstmal beim 1.Punkt.

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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#2

Beitrag von Sven » 05.06.2021, 22:56

Oh, der schöne Bass :(
Aber er sieht absolut zu retten aus!
Um einen neu angeschäfteten Kopf wirst du wohl nicht herumkommen. Wären es nur die abgesägten Seiten, aber der Bruch der Kopfplatte kann so nicht bleiben.
Das Griffbrett ist wahrscheinlich mit Titebond verleimt, das heißt mit Hitze ablösen sollte funktionieren. Das Binding könnte dabei aber kaputt gehen.
Auf youtube gibt es einige Videos zu dem Thema: https://www.youtube.com/results?search_ ... ingerboard
Bevor du das Griffbrett entfernst, solltest du dir zwei oder drei Index-Bohrungen machen, z.B. 1. und 10. Bund raus und mit einem 1mm-Bohrer im Bundschlitz ein Loch bis in den Hals bohren (vorzugsweise nicht in den Spannstab ;-) ). Mit zwei Stahlnägeln kannst du dann das Griffbrett, beim Wieder-Aufleimen an die gleiche Position bringen.
Beim Absägen des Kopfes, würde ich zuerst in oder etwas vor der aktuellen Leim/Kleb-Fuge sägen und mich erst anschließend mit dem Hobel an die endgültige Leimfläche heranarbeiten. Somit würdest du am wenigsten vom Hals verlieren. Wichtig ist auch, dass die Leimfläche später groß genug ist.

Was den Steg angeht: Gibt es ein Möglichkeit die Decke von innen zu inspizieren? Das Schallloch ist ja winzig.

Sven
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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#3

Beitrag von Lumael » 06.06.2021, 06:47

Uiiii, was für ein Desaster,....unglaublich,.....Naja.

Zunächst einmal würde ich Halswinkel und Stellstab überprüfen um zu sehen, ob du mit einem standard Steg auch auf eine vernünftige Saitenlage kommst.

Ich glaube nicht, dass der Steg vorsätzlich abgemacht wurde, sondern, dass er sich einfach irgendwann mal gelöst hat (passiert häufig) und der Besitzer nicht die nötigen Mittel hatte, ihn wieder aufzuleimen,....und deshalb "improvisiert" hat. Jemand der derartig in die Kopfplatte reinsägt, bekommt einen fest aufgeleimten Steg nicht so sauber runter.

Du hast meines Erachtens nach zwei (eigentlich drei) Möglichkeiten es vernünftig zu machen. Entweder du machst es so wie du geschrieben hast, was ein ziemlicher Aufwand ist (manche Griffbretter lassen sich gar nicht so leicht lösen, wie man glaubt) oder du machst gleich einen neuen Hals, was nicht so viel mehr Arbeit ist und zu einem schöneren Ergebnis führt (vor allem wenn der Hals geschraubt und nicht geleimt ist,...was du dir vorher anschauen solltest)

Ich würde das allerdings nicht tun, sondern versuchen es so zu retten wie es ist.

Die Leimfuge selber sieht zumindest auf dem Foto nicht so schlecht aus:
006.jpg
Ja es fehlt Material am Kopfplattenfurnier, aber wenn die Kopfplatte an der richtigen Stelle wieder angeleimt wurde (was gar nicht so einfach ist) und die Leimung stabil ist, würde ich die erstmal so lassen. Das sieht für mich fast so aus, als wäre der Vorbesitzer, nachdem die Kopfplatte gebrochen war (und das ist jetzt nur Spekulation), zu einem "Gitarrenbauer" gegangen und hätte gesagt, "bitte so billig wie möglich, nur dass es funktioniert" Warum er nachher die Kopfplatte so zugerichtet hat, ist mir ein Rätsel.
Ich würde die Flanken abrichten und neues Material aufleimen. Danach würde ich das halbrunde Stück am Kopfplatten/Hals Übergang ersetzten (Leimfläche schön machen und ein möglichst ähnliches Stück Holz mit Kreide einpassen). Dann würde ich das Kopfplattenfurnier soweit abfräsen, bis eine durchgehende Fläche entsteht (aufpassen auf die Stellstabmutter!), ein neues Furnier über die gesamte Kopfplatte leimen, den ursprünglichen Umriss und Übergänge wieder herstellen und die Mechanikenlöcher nachbohren. Dann würde ich ein neues Stückchen Randeinlage einkleben (die ursprüngliche Randeinlage etwas zurückschneiden damit mehr Klebefläche vorhanden ist und ein neues Stück ansetzten). Das Bisschen am Griffbretteck das da fehlt, würde ich mit eingefärbtem Epoxydharz nachmodellieren (das ist so wenig, dass es kaum auffallen wird) und evtl. eine neue Randeinlage in die Kopfplatte setzten. Danach dem kompletten Hals abschleifen (somit bekommst du auch die kleinen Beschädigungen weg) und neu Lackieren, wobei man wenn man möchte, auch ein bisschen retuschieren kann. Aber komplett unsichtbar bekommst du das nicht hin, dafür ist der Schaden zu groß.

Gruß

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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#4

Beitrag von moon » 06.06.2021, 18:53

Danke für den Input.
Sven hat geschrieben:
05.06.2021, 22:56
Was den Steg angeht: Gibt es ein Möglichkeit die Decke von innen zu inspizieren? Das Schallloch ist ja winzig.
Ja, es gibt die Möglichkeit zur Einsicht in die Innereien, der Bass hat noch ein Zargenschalloch.
Ein Blick da hinein zeigt dann etwas eher Ungewöhnliches:
009 Bracing 1.jpg
010 Bracing 2.jpg
011 Bracing 3.jpg
Das Zargenschalloch ist übrigens gerade groß genug, damit ich mit der Hand durchkomme, was schon mal einiges einfacher macht.

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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#5

Beitrag von moon » 06.06.2021, 18:57

@ Sven
Danke für den Link.
Ich habe schon mal ein Griffbrett abgelöst. Allerdings ein noch nicht bundiertes, das mir beim Bau verrutscht war.
Bei einem bundierten hatte ich Bedenken, ob man über den Umweg über die Bünde genug Hitze in die Leimfuge einbringen kann. Aber das scheint ja möglich.
2.Punkt ist der Bereich, wo das Griffbrett auf dem Korpus aufliegt. Da sollten bei der Aktion natürlich möglichst wenig Kollateralschäden entstehen. Also möglichst wenig Ausrisse an der Decke und möglichst keine größeren Lackabplatzer.

Index-Bohrungen ist ein guter Tip, danke. Hätte ich wahrscheinlich vergessen. Vielleicht ist aber einfacher die Bohrungen in 2 der Dots zu platzieren und dann die Dots zu ersetzen? Ich möchte ungern an die Bundierung gehen.

@ Lumael
Bei gerade eingestelltem Halsstab und mittig aufgelegtem Lineal komme ich auf gut 8mm an der Brücke. Das wäre dann wohl die maximal mögliche Dicke der Brücke (ohne Stegeinlage)?

Der Hals ist leider eingeleimt. Die Verleimung sieht gut aus, da sind keine Risse o.ä. zu erkennen. Einen komplett neuen Hals zu machen, wäre für mich nur die letzte Möglichkeit

Die Idee, die Kopfplatte dranzulassen und die fehlende Substanz passgenau zu ersetzen, hat natürlich einen gewissen Charme.
Aber zum einen traue ich der jetzigen Reparaturklebung nicht so richtig, auch wenn sich die einigermaßen stabil anfühlt. Zum anderen gibt es ja noch einen Riß in Verlängerung der tiefen Abplatzung auf der Bass-Seite und eben diese Abplatzung. Die ist auf Bild 5 u. 7 in etwa zu erkennen. An der tiefsten Stelle wären das 9mm, die von der Kopfplattenoberseite abgefräst werden müßten.

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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#6

Beitrag von Sven » 06.06.2021, 19:57

moon hat geschrieben:
06.06.2021, 18:53
[...]
Ja, es gibt die Möglichkeit zur Einsicht in die Innereien, der Bass hat noch ein Zargenschalloch.
Ein Blick da hinein zeigt dann etwas eher Ungewöhnliches:
[...]
:?: :shock:

Boulder Creek nennt das sein (Achtung: Tusch!) "Suspended Bracing System":
https://bouldercreekguitars.com/suspend ... system-tm/

Anscheinend wird dadurch alles besser: Lautstärke, Sustain, Klang, Tonumfang, etc. :D
Zum Glück haben die das patentiert, dann kann das keiner nachbauen.

Ich muss jetzt mal ne Frage stellen. Hast du mal gehört wie dieser Bass klingt?

Sven
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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#7

Beitrag von moon » 09.06.2021, 21:48

Sven hat geschrieben:
06.06.2021, 19:57
:?: :shock:

Boulder Creek nennt das sein (Achtung: Tusch!) "Suspended Bracing System":
https://bouldercreekguitars.com/suspend ... system-tm/

Anscheinend wird dadurch alles besser: Lautstärke, Sustain, Klang, Tonumfang, etc. :D
Zum Glück haben die das patentiert, dann kann das keiner nachbauen.

Ich muss jetzt mal ne Frage stellen. Hast du mal gehört wie dieser Bass klingt?

Sven
:lol: :lol: Ja, hab mir schon fast gedacht, daß Dir das gut gefällt.
Und nein, keine Ahnung wie der Bass klingt, das war ein Zufalls-Schuß.

Momentan schleich ich noch so ein bischen um das Ding herum, vor allem natürlich um den kaputten Kopf.
Aber bei der Bridge hab schon mal angefangen.
Erstmal habe ich eine Bohrschablone für die Saitenlöcher aus Sperrholz gmacht.
Dann mit einem flach gehaltenen Bleistift die Konturen auf Papier durchgepaust.
Auf einem Transparentpapier die Löcher mit der Bohrschbalone angezeichnet, drübergelegt und nach korrekter Platzierung die Konturen durchgezeichnet.
012 Bridge abpausen.jpg
013 Bridge durchgezeichnet .jpg
An der Auflage der Bridge war das Koa-Deckfurnier teilweise abgespaltet, teilweise auch die Trägerschicht. Auf dem Bild mit der durchgepausten Auflagerstelle kann man das im Bereich neben der G, zwischen D und A und vor allem neben der H-Saite erkennen.
Um das wieder fest zu verleimen, habe ich die Stellen mit verdünntem Leim unterspritzt und mit der Bohrschablone und einer Papp-Zwischenlage mit von innen durchgesteckten Schrauben festgezwungen.
014 Bridge-Auflage konsolidieren.jpg
Auf die Art werde ich später mal auch die Bridge final aufleimen.

Die neue Bridge wird aus Palisander. Ich habe da noch einen uralten Schwartenrest von einem entsplintetem Rundholz rumliegen, für den ich bisher noch keine vernünftige Verwendung hatte.
015 Bridge-Material.jpg
Rohling ausgesägt, gehobelt + mittels der Bohrschablone gelöchert
016 Bridge bohren.jpg
017 Bridge Rohling gelöchert.jpg
Als nächstes muß die Nut für die Stegeinlage rein. Wieviel sollte ich am Nutgrund stehen lassen?

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Re: Akustik-Bass Ruine wiederherstellen

#8

Beitrag von Lumael » 13.06.2021, 11:41

Zwei Drittel der Stegeinlage sollten im Steg versenkt werden. Wenn du noch einen mm Material unter der Stegeinlage hast, ist das mehr als genug.
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