Ein Neuling macht Re-Finish :mögliche “idiotensichere“ Optionen

Alles um einen alten Schatz aufzufrischen ... auch am Finish
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captainmur
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Ein Neuling macht Re-Finish :mögliche “idiotensichere“ Optionen

#1

Beitrag von captainmur » 23.06.2020, 14:13

Hallo liebe Foreaner,
langsam habe ich mein erstes Re-Finish /Re-Design Projekt begonnen und werde für eure Kommentare, Hinweise und Kritik sehr dankbar.
Als das Versuchskaninchen :D dient meine Custom Hollowbody Klampfe, die vor einem Jahr ein russischer Gitarrenbauer für mich gebaut hat. Das Konzept wurde als eine von Gretsch inspirierte Gitarre (keine Kopie) mit einem Custom-Hals entwickelt. Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von Chet Atkins und daher von Gretsch. Ich habe bereits ziemlich günstige koreanische Electromatics sowie sau teure japanische ProLines von Gretsch gespielt, aber keine davon war für mich ideal. Sogar eine Country Gentleman mit 648 mm Mensur und 44,5 mm Sattelbreite... leider leider. Grund dafür: die Sattelbreite (normalerweise 43mm bei Gretches) sowie Halsprofile sind beide mir zu schmal. Mein Problem ist sehr große Hände: ich trage Handschuhgroße 12. Es ist schwierig, mir überhaupt die richtige Handschuhe zu kaufen :D , geschweige denn die Gitarre :( . Aber bitte keine Hinweise von Gitarre zu Bass zu wechseln :), da eine für mich ideale A-Gitte habe ich doch gefunden und zwar Takamine EAN-30C mit 650 mm "Konzertgitarre"Mensur und 47,5 mm Sattelbreite.
Also ein Custombuild wäre für mich eine ideale Lösung.
Die Spezi wie folgt:
-Korpus 16“ Archtop/Hollowbody, ohne Centerblock: ähnlich Gretsch G6120, jedoch aus Rigelahorn-Massiv geschnitzt, da eine gewölbte Decke & Boden aus 3-lagigen Sperrholz (wie Vorbild) außer Fabrik herzustellen umständlich wäre.
-der Hals wurde in Bezug auf die Maße wie Warmoth Superwide Fatback Necks aus Ahorn-Mahagoni-Ahorn gefertigt. Und zwar: 25,5“- 648 mm Mensur, 1-7/8" -47,5 mm Sattelbreite, dickes U-Profil, Dicke 1" am 1 und 12 Bund, 12“-16“ Compound Radius Griffbrett .
-Hardware/ Elektronik wie Vorbild : 2x TV Jones Classic, BigsbyB6, floating Bridge usw.
Leider war ich mit der fertigen Gitarre nicht ganz zufrieden, da es viele Fehler im Finish gibt. Z.B ungleichmäßige Lackierung mit Flecken, Staubeinschlüsse im Lack usw.
Zuerst wollte ich ein professionelles Re-Finish vornehmen. Aber nachdem ein Fachmann aus Sonsbeck die Gitarre 6 Monate in seiner Werkstatt aufbewahrt hat, aber nicht angefangen zu arbeiten und "untergetaucht", beschloss ich, alles selbst mit Hilfe des Communities zu machen. So, nachdem ich zuvor hunderte von Forenseiten in drei Sprachen (DE, EN, RU) gelesen habe, begann ich mit der Arbeit. Zuerst soll die Gitarre selbstverständlich komplett entlackt werden, ein Objektträger Glas als Ziehklinge funktioniert ganz gut :
Gitte wurde schon komplett vom Lack befreit :
Nun wollte ich die Oberfläche weiter vorbereiten. Mögliche “idiotensichere“ und Mietwohnung- taugliche Finish-Optionen :?: :
- anbeizen (Clou Pulverbeize) +Öl (Osmo. Auro, Tru Oil etc)
- anbeizen +Clou Holzsiegel
- anbeizen + Shellack
Als Ergebnis musste ein heller orange Farbton (s.g. Vintage Orange) sein, wäre auch super dabei die schöne Maserung von Riegelahorn anzufeuern. Aber dies ist später, momentan, wie gesagt, muss die Oberfläche vorbereitet werden. Hier würde ich erfahrene Mitglieder um Rat bitten. Ein Exzenterschleifer habe ich nicht, nur eine normale Bohrmaschine und Schleifteller. Also nur Handschleifen, oder ? Nun kommen meine Fragen dazu : welches Schleifmittel sowie welche Arbeitsweise kann ich verwenden?
- normaler Schleifpapier oder Schaumstoff Schleifscheiben bzw. Streifen , oder Schleifvlies ?
- wässern oder trocken schleifen ?
- bis zur welche Körnung zu schleifen ?
Apropos Körnung: über die Körnungen gibt es Menge von unterschiedlichen Meinungen. Einige Leute meinen , dass das Schleifen von Holz bis zur Körnung 400 völlig reicht, andere glauben, dass das Schleifen bis zur Körnung 2500 (!) ideal ist, um eine Holzmaserung zu betonen. Das Gegenargument ist, dass beim Schleifen bis zur Körnung > 600 eine schlechte Haftung der Beschichtung, sogar des Öls, auftritt.
Wer hat hier Recht ? Ich werde für die Hinweise sehr dankbar.
Viele Grüße aus Ruhrgebiet,
Dimitri
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Re: Erstes Projekt Re-Finish /Re-Design: Hollowbody/Archtop

#2

Beitrag von Janis » 23.06.2020, 14:49

Hi Dimitri,

eine schöne Gitarre hast du da! Ich bin bei Leibe kein Lackierer und habe bis jetzt
mit Öl, Lasur und Schellack gearbeitet. Momentan versuche ich mich an Kunstharzlack.
Auf den Möbeln, die ich gebaut und furniert habe und auf meinen ersten 1,5 Gitarren
konnte ich folgende Erfahrung sammeln:

- Je dünner und transparenter der Lack- bzw. Deckauftrag sein soll, desto feiner muss vorher geschliffen werden

- Maschinenschliff (Exzenter/Delta) ist bei gleicher Körnung "feiner" als mit der Hand

- Rohes Holz trocken zu schleifen, zu entstauben, dann zu wässern um die Fasern aufzustellen und
wieder zu schleifen brachte die besten Ergebnisse

- Je kleiner der Schleifkörper ist, also Schleifklotz oder Delta-schleifkopf, desto präziser kann man arbeiten. Die Gefahr
durch ungleichmäßiges Schleifen kleinere "Täler" zu erzeugen steigt aber. Und damit beim Zwischenschliff, die Gefahr
durchzuschleifen, Grade bei Beize unter dem Lack sehr undankbar. Große ebene Flächen also eher mit einem größeren Schleifbrett
bearbeiten - letztere hast du an deine Gitarre aber ja garnicht.

- Baumarkt-Schleifpapier ist meistens für die Tonne.

- Schleifschwämme sind ein gutes Tool für gewölbete Flächen, wie die Decke.

- Stahlwolle hat eine gute abrasive Wirkung, die feinen Partikel sind allerdings nervig und einige Hölzer reagieren mit Verfärbungen

Da du Orange anstrebst und Ahorn ein sehr feinporiges Holz ist, würde ich zu Schellack neigen.
Der ist selbst orange-rötlich und lässt sich zu Hause auftragen.
Es ist aber einiges an Übung, Geduld und Erfahrung nötig, um das wirklich überzeugend hinzubekommen.
Also nicht "idiotensicher" (think)

Öl dunkelt oft (stark) nach (das müsstest du einplanen, wenn du den Orange-Farbton aussuchst),
ist aber sehr gut aufzutragen.

Was auch immer du machst, teste es vorher und schlaf zur Not noch mal ne Nacht über eine Entscheidung.
Mir wurde das so oft gesagt und jedes Mal, wenn ich mich nicht dran gehalten habe, habe ich mich im Nachhinein geärgert!

Viel Erfolg!
Viele Grüße,
Jan

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Re: Erstes Projekt Re-Finish /Re-Design: Hollowbody/Archtop

#3

Beitrag von captainmur » 23.06.2020, 15:54

Hi Jan,
vielen Dank für die ausführliche Informationen.
Bezüglich des Schleifers : ich habe es überlegt. Da diese Gitarre praktisch keine ebene Flächen hat, denke ich, dass sicherer wird, alles per Hand zu machen. Ein Maschinenschliff scheint mir für die Wölbungen-Konkavitäten/Übergänge eher gefährlich zu sein Über Shellack a.k.a French Polish habe ich viel gelesen, das klingt äußerst interessant zu sein. So macht z.B. Eastman für einge Modelle wie T58 und das sieht super aus :
Es ist mir klar dass die Arbeit mit Shellack keine einfache Sache ist. Ich muss auf jeden Fall die Ahornreste besorgen, damit ich die Probelackierungen machen kann. Vielleicht kann diese jemand hier im Forum günstig abzugeben ;) .
Übrigens, welche Schleifschwämme kannst du empfehlen ? Die russische Kollegen arbeiten meistens mit Kovax Highflex bzw Superassilex, dieses hier in DE nur ab 25 Stk/Packung erhältlich.
Viele Grüße,
Dimitri
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Re: Erstes Projekt Re-Finish /Re-Design: Hollowbody/Archtop

#4

Beitrag von Janis » 23.06.2020, 16:34

Ich habe Klingspor (Vlies) und Softpads von KA.EF probiert.
Da lag aber zu viel Zeit zwischen um das vergleichen zu können, beide waren gut.
Zuletzt habe ich für die feineren Arbeitsgänge Festool Handschleifpapier 400er benutzt.
Der Papierträger ist viel dünner als bei Standard-Ware.
Es entstehen an Kanten keine harten Knicke, die Kratzer verursachen.
Somit lässt sich besser um Schleifklötze und Weinkorken wickeln. Auch mit der bloßen Hand gehts gut.
Reichte für mich aus.

Bimsmehl auf Bastelfilz für sehr feine Schleifgänge bzw. schon anpolieren funktioniert sehr gut.
Viele Grüße,
Jan

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