Tap-Tuning

Alles zu akustischen Gitarren und Bässen

Moderator: jhg

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bea
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Re: Tap-Tuning

Beitrag von bea » 17.11.2016, 10:25

Stimmt, das Video läßt die letzten Feinheiten offen. Es fängt schon damit an, dass sich das Tuning natürlich verändert, wenn man die Balken nachher verrundet. Vorher ist das ja nicht möglich.

Ein paar der Aspekte, die Du ansprichst, kann man ja zumindest qualitativ durchaus abschätzen. Langer Ausklang, schnelle Ansprache und Obertonreichtum gehen z.B. bis zu einem gewissen Grad Hand in Hand. Förderlich ist hier ein möglichst steife Konstruktion vor allem des Halses. Dessen Masse (Kopfplatte!) beeinflusst auch das Klangbild - mehr Masse dort macht den Ton dunkler, verbessert aber ebenfalls die Ansprache. Weniger Masse dort verbessert den Obertonreichtum, kann aber auch die Rückkopplungsanfälligkeit vergrößern (ich hatte da einmal eine ziemlich herbe Erfahrung mit Leichtmechaniken an meinem V-Bass machen dürfen).
Dann die Frage der Dicke der Decke - die geht Hand in Hand mit der Abstimmung auf einen Grundton, die m.W. im Geigenbau erstmals bereits vor dem Einleimen des Balkens vorgenommen wird. Die Dicke der Decke und die Töne, auf die Decke und Boden gestimmt werden, haben sicherlich einen deutlichen Einfluss auf den Klang.

Wie man das zusammenbringt ist aber eine Sache der Erfahrung. Das lernt man nicht beim ersten Instrument. Vermutlich wird man auch von dem Ziel eines gleichmäßigen Tap-Tons abweichen müssen, um bestimme klangliche Wirkungen zu erzielen. Aber das geht naturgemäß weit über das hinaus, was ein derartiges Video darstellen kann und muss: eine solide Basis als Grundlage für alle Verfeinerungen.


Im Zuge der Restauration meines Sorgenkinds werde ich sicherlich auch das Thema Abstimmung der Bebalkung aufgreifen: dort, wo sie überhaupt wirksam ist, ist sie wohl deutlich zu steif geraten. Da ist jenseits der
LG

Beate

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capricky
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Re: Tap-Tuning

Beitrag von capricky » 17.11.2016, 12:26

Der Typ baut bestimmt großartige Gitarren, aber das was er da im Video ablässt halte ich für ziemlichen Unfug (aber er glaubt dran). Das geht schon mit der Schallgeschwindigkeit im Holz los, das hat er nicht so richtig verstanden (längs 10x schneller als quer). Das stimmt zwar abhängig von der Holzart, hat aber nichts mit den Wellen auf der Decke zu tun, die die Moden bilden. Beispiel - Wasser Schallgeschwindigkeit rund 1500m/sec, aber Wellen kann man bei der Ausbreitung gemütlich zuschauen (ausser Tsunamis) und es fehlt etwas entscheidendes - ein Ufer, die Zargen, die Wellen reflektieren, dann erst bilden sich die "richtigen" Moden durch Überlagerung. Die Tapperei ist bestimmt für irgendwas gut, so wie ich schon weiter oben schrieb, durchaus auch für eine Grobabstimmung, das "Geheimnis" eines gut klingenden Instruments ist sie gewiss nicht.
Nach meiner Erfahrung sind gut klingende akustische Zupfinstrumente was die konstruktive Stabilität betrifft, immer "am Rande des Wahnsinns" gebaut. Solche dünne Decken, Balken und Leisten trauen sich Ottonormalgitarrenbauer nicht.

Die nach meinem Geschmack bestklingenste Archtop, die mir bisher untergekommen ist, hatte zu allem Überfluß auch noch eine Sperrholzdecke aus Buche. Mit ungeschliffenen Stahlsaiten hatte die einen Klang wie eine spitzenmäßige Western. ich war schockiert, es passte einfach nicht in diese Vorurteile, die man so mit sich rumschleppt. Ein preiswertes "Schülermodell von Otwin (Otto Windisch). Nicht umsonst haben die Otwin Gitarren einen legendären Ruf. Der Meister machts, die Erfahrung, aber bestimmt nicht die Tapperei.
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Re: Tap-Tuning

Beitrag von liz » 17.11.2016, 12:35

Ich hab mir auch schon gedacht, dass die Balken im Video reichlich überdimensioniert aussehen. Ich glaube auch nicht, dass die Klopferei das Ende des Geheimnisses ist. Was ich aber glaube, es hilft, ein konstantes Ergebnis über mehrere Instrumente hinweg zu erzielen. Die Balken muss man ja sowieso ausarbeiten - da schadet es auch nicht, gelegentlich mal die Decke anzuklopfen.

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Re: Tap-Tuning

Beitrag von bea » 17.11.2016, 12:46

Wieso hatte? Gibt es die Gitarre nicht mehr?

Auch das mit der Schallgeschwindigkeit stimmte nicht: die Anisotropie der Schallgeschwindigkeit in Fichte macht zwischen der "schnellsten" Richtung und der langsamsten einen Faktor von 2.5 aus. Oder weniger, je nachdem wie schnell das Holz gewachsen ist. Natürlich haben aber auch die Wellengeschwindigkeiten im Holz einen Einfluß auf die Ausbildung der Klangfiguren (stehende Oberflächenwellen). Es sind übrigens zwei Geschwindigkeiten: die für Kompressionswellen und die für Scherwellen. Dabei gehen diese Größen, obwohl sie für Raumwellen gelten, auch in die Physik der Oberflächen- und Grenzflächenwellen ein.

Bei einer Gitarre mit Sperrholzdecke ist es sicherlich vor allem die Stärke der Beleistung, an der man drehen kann. Und bei der gezeigten Otwin wohl auch die eher geringe Fläche der Resonanzöffnungen, die ja zu einer eher tiefen Abstimmung des Korpus führt.

Die ander wichtige Frage, die wir ja gerade im parallelen Geigenthread andiskutieren, nämlich die Tonhöhe, auf die Decke und Boden gestimmt werden sollten, ist von der hier dokumentieren Abstimmung auf Gleichmäßigkeit des Klopftons ja offensichtlich unabhängig.
LG

Beate

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Re: Tap-Tuning

Beitrag von capricky » 17.11.2016, 12:54

bea hat geschrieben:Wieso hatte? Gibt es die Gitarre nicht mehr?
Ich habe sie verkauft, ich war jung und brauchte das Geld! :cry:

Wir sind ja hier bei den komischen Geschichten... ;)
Nee, quatsch ich habe die günstig bekommen, aufgehübscht und gut verkauft. 8)

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Re: Tap-Tuning

Beitrag von gitarrenmacher » 17.11.2016, 17:46

capricky hat geschrieben:Der Typ baut bestimmt großartige Gitarren, aber das was er da im Video ablässt halte ich für ziemlichen Unfug (aber er glaubt dran).......................................................................................................................................

Nach meiner Erfahrung sind gut klingende akustische Zupfinstrumente was die konstruktive Stabilität betrifft, immer "am Rande des Wahnsinns" gebaut. Solche dünne Decken, Balken und Leisten trauen sich Ottonormalgitarrenbauer nicht.
capricky
Das ist das Problem mit den WWW Tutorials bzw. Erfahrungsberichten, bzw. "So mache ich es richtig" Veröffentlichungen.
Wie ich schon 2015 (ganz weit vorne im Faden) schrub. Da werden eigene Erfahrungen mit fraglichen, unreflektierten Informationen zu einem Brei gerührt, das ganze mit Zimt und Zucker bestreut ( pseudowissenschaftliche Zitate, am besten mit Oszilloskop im Hintergrund) und dann zum Verzehr und widerrum ungefilterten Weitergabe empfohlen.
Ich schaue mir nix mehr in der Richtung an.
Am schönsten fand ich ein Video zur Qualitätsermittlung von Fichtendecken. Großer Lautsprecher, Frequenzgenerator, Fichtendecke, Reiskörner. Decke auf den Speaker, Reis drauf und mit verschiedenen Frequenzen beschallt. Man , das waren schöne Muster. Leider keine Erklärung, wieso, weshalb, warum. Nur die Aussage: "That ist really a good guitartop"
Schöne Muster kriege ich auch, wenn ich ein Stück Wellpappe beschalle. Da sage ich:"That ist really Bullshit"

Diese "am Rande des Wahnsinns" Instrumente habe ich bei meinen Fingerpicker Kunden sehr oft.
Wenn neu und eingespielt:"Boah ist die Laut, hat die Bass, hat die Druck. Alteeer is die geil."
Nach 20 Jahren:" Boah hat die Decke einen Buckel, kippt die Brücke nach innen, ist die Saitenlage hoch. Alteeer, die brauch einen Neckreset."
Gut klingende Gitarren müssen nicht zwangsläufig eine Gratwanderung zwischen Wohlklang und Kollaps sein.
Munterbleiben
Chrischan
www.gitarrenmacher.de

Never underestimate the stupidity of idiots

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